Fenix Language Institute in Cuernavaca - Mexiko. Spanisch Sprachschule und Praktikum.


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Praktikumsberichte Pilotprogramm Englisch an Grundschulen

Bericht von K.Semmler, die ihr Praktikum von Dezember 99 bis Juli 2000 gemacht hat

Ich habe von Dezember 1999 bis Juli 2000 am Programa Piloto de Inglés teilgenommen. Während dieser Zeit habe ich an vier voneinander sehr verschiedenen Grundschulen mit insesamt drei Englischlehrern zusammengearbeitet. Meine Betreuung durch Julio Mora, der in der Verwaltung des Pilotprogramms und im Instituto Fenix arbeitet, war kompetent und jedes Gespräch mit ihm in fachlicher und kultureller Hinsicht aufschlußreich.

Auch wenn der Englischunterricht an Grundschulen in Morelos noch unter dem Namen eines Pilotprojekts läuft, ist das Konzept so ausgereift und erfolgreich, daß wir in Deutschland viel davon lernen könnten. Ich halte das von mir absolvierte Praktikum daher für Grundschullehrer und Lehrer an weiterführenden Schulen empfehlenswert.

Mich persönlich hat das Praktikum einen großen Schritt nach vorn gebracht. Anders als kurz vor dem Staatsexamen, bin ich mir jetzt sicher, daß ich mich für den Lehrberuf eigne. Und abgesehen von der Erfahrung im Unterrichten, in der Erstellung von Unterrichtsmaterialien und im Umgang mit Schülern habe ich ein ganz neues Bild von Schule gewonnen, von dem ich einige Aspekte gern später in Deutschland verwirklichen würde.

TIPPS: Unabdinglich erscheinen mir sowohl grundlegende Kenntnisse der Fremdsprachendidaktik als auch gute Englisch- und Spanischkenntnisse. Da der Unterricht strikt einsprachig durchgeführt wird, ist das Praktikum auf gar keinen Fall zur Vertiefung der eigenen Spanischkenntnisse geeignet. Auch für den Kontakt zu den Schülern in der Pause und außerhalb der Schule ist gutes Spanisch wichtig. Die Kinder suchen zwar den Kontakt, aber sie haben nicht die Geduld und das Verständnis von Erwachsenen!

1. Escuela Primaria Federal Matutina Gral. Vicente Guerrero (Altavista)

Praktikumsdauer: Dezember 1999 bis April 2000
Schulprofil: - 1. bis 6. Klasse, vierzügig

    • pro Klasse mindestens 45 Schüler aus der Unterschicht
    • etwa 30 Lehrer, davon drei Englischlehrer

Mentor: Eduardo Cervantes Hernández
Stundenplan: Montag bis Freitag (8.00 bis 12.40 Uhr)
Jahrgangsstufen: 4 bis 6

Aufgabenbereich

In der ersten Woche habe ich ausschließlich hospitiert, um die Schüler, Eduardos Unterrichtsstil, das Sprachniveau und das Schulleben allgemein kennenzulernen. Bereits ab der zweiten Woche wurde ich jedoch aktiv in den

Unterricht einbezogen. Zunächst durfte ich mir sowohl meinen Aufgabenbereich als auch die Gruppen noch aussuchen. Teils habe ich komplette Stunden gegeben, teils haben wir Gruppen geteilt und getrennt unterrichtet, teils haben wir uns Stunden aufgeteilt, teils habe ich bei der Erstellung didaktischen Materials geholfen.

Nach und nach wurde mir immer mehr Verantwortung übergeben, bis ich schließlich Vertretungsunterricht gegeben oder Eduardos Stunden spontan weitergeführt habe ("Mach mal weiter!" "Warum?" "Damit ich mich setzen kann und du was lernst.").

TIPPS: Um Stunden sinnvoll planen und durchführen zu können, ist die grundlegende Kenntnis der fachdidaktischen Theorie unbedingt erforderlich. Ich empfehle jedem Praktikanten, sich die angewandten Methoden (TPR, Natural Approach, CTL) vor Praktikumsbeginn zumindest in Zusammenfassungen zu Gemüte zu führen.

Da vor allem mit Visuals gearbeitet wird, ist es ratsam, eine entsprechende Menge an Materialien und Stiften mitzubringen, eventuell auch Vorlagen (Comics, Tiere, Früchte, Gesichter etc.). Für niedrigere Jahrgangsstufen sind Handpuppen sehr gefragt.

1. Zusammenarbeit mit Eduardo Cervantes

Da Eduardo mit meiner Anwesenheit überrumpelt worden war und zudem schlechte Erfahrungen mit mexikanischen Praktikanten gemacht hatte, stand er mir in den ersten Tagen sehr reserviert gegenüber. Nach kurzer Zeit haben wir uns aber sehr gut verstanden, haben uns beruflich zu einem eingespielten Team entwickelt und sind privat enge Freunde geworden.

Obwohl ein Jahr jünger als ich, verfügt Eduardo bereits über eine langjährige Berufserfahrung. Er hat mich auch außerhalb der Schule so bereitwillig mit Rat und Tat zur Seite gestanden, daß ich von seinem Wissen unendlich viel profitieren konnte.

Durch Eduardo konnte ich zudem samstags inoffiziell an einem Kurs der Cambridge-University für Englischlehrer in Übersee teilnehmen, wodurch ich mein theoretisches Wissen erheblich vertiefen konnte und brauchbare Unterrichtsvorschläge erhalten habe. Sobald ich mit einem Thema (Rollenspiele, Task-based Learning etc.) nicht vertraut war, führte es mir Eduardo in der Praxis vor und gab mir in Parallelgruppen Gelegenheit zur eigenen Erprobung.

2. Zusammenarbeit mit den Schülern

Die Schüler sind mir voller Interesse entgegengekommen. Ich war die erste Ausländerin, zu der sie näheren Kontakt hatten. In der Pause bin ich meistens auf dem Schulhof geblieben. Dort haben Marktfrauen billiges, aber gutes Essen und die für mexikanische Kinder unvermeidlichen Mengen an Süßigkeiten mit Chili verkauft. Hier, beim Volleyballspielen, Essen und Zöpfeflechten habe ich viele Schüler gut kennengelernt.

Im Unterricht war unser Verhältnis zunächst von beidseitiger Nervosität geprägt für mich war es schwierig, einer so großen Menge von Schülern auf engstem Raum gegenüberzustehen, und sie hatten Probleme mit meinem englischen Akzent. Aber wir haben uns erstaunlich schnell zusammengerauft, und es gab keine Zusammenstöße. Ich habe die mexikanischen Schüler generell als viel weniger aggressiv empfunden als deutsche, vielleicht weil sie in Großfamilien aufwachsen. Als besonders erfreulich habe ich es empfunden, wenn die Schüler im Unterricht unmittelbar von meiner Nationalität profitieren konnten, so bei einem erfolgreichen Briefaustausch mit den Schülern meiner Mutter, der, abgesehen von der Motivation für die englische Sprache, den Kindern beider Länder für sie fremde Welten ein ganz kleines bißchen näher gebracht haben.

Das Verhältnis der Schüler zum Lehrer ist in Mexiko von Respekt geprägt. Er wird auf jeden Fall gesiezt und mit "maestro" oder "teacher" angeredet. Gleichzeitig ist es aber auch ungleich herzlicher als in Deutschland. Mögen die Kinder ihren Lehrer, schreiben sie ihm Briefe, bringen kleine Geschenke mit oder nehmen ihn in den Arm. Diese spontane Zuneigung, die sich natürlich auch auf den Unterricht positiv ausgewirkt hat, hat mir über manchen schlechten Tag hinweggeholfen.

Selbstverständlich haben mich einige Sitten an der Schule auch an den Rand des Wahnsinns getrieben. Die erwähnten Süßigkeiten durften während des Unterrichts verzehrt werden (aufgrund des Chiligehalts oft von ausgiebigem Stöhnen begleitet), Hausaufgaben wurden grundsätzlich nicht gemacht, und das Arbeitstempo glich der Fortbewegungsgeschwindigkeit einer Weinbergschnecke. Wurde ich, hatten sie nach 40 Minuten ihr Heft immer noch nicht ausgepackt, ein wenig sauer, klopften mir die Schüler lediglich wie einem braven Gaul auf die Schulter und trösteten "Ahorita, teacher". Auch das ausgeprägte Rollenverhalten sehr schüchterne Mädchen und sehr selbstbewußte Jungen war gewöhnungsbedürftig. Teamspiele Jungen gegen Mädchen waren nur in wenigen Gruppen möglich.

Im Laufe der vier Monate habe ich die Schüler sehr gern gewonnen. Obwohl ich es für wichtig halte, verschiedene Schulen kennenzulernen, wäre diese intensive Erfahrung nicht möglich gewesen, wenn ich, wie ursprünglich geplant, die Schule jeden Monat gewechselt hätte. An meinem letzten Tag haben mir die Schüler eine schöne Überraschungsparty bereitet, mit Essen und Getränken, Geschenken , Ständchen und vielen Tränen. Ich habe sie in den folgenden Monaten noch oft besucht.

3. Atmosphäre an der Schule

Von Ausnahmen abgesehen, hatte ich leider keinen Kontakt zum Kollegium. Die durch den nicht sehr professionellen Direktor geschürte Abneigung gegen Englischlehrer im allgemeinen und Eduardo im besonderen hat sich auf mich übertragen und war, auch wenn oberflächlich alle freundlich zu mir waren, wahrnehmbar. Das führte zu teilweise absurden Situationen: So verbot der Direktor, als er hörte, daß mich ein Schüler auf Englisch grüßte, Englisch außerhalb der Klassenräume. So standen Eduardo und ich einmal geschlagene drei Stunden vor dem Schultor, das um 8 Uhr geschlossen wurde, während der Direktor auf der anderen Seite mit seinem Schlüsselbund auf- und abmarschierte. Wir waren aufgrund einer Polizeikontrolle drei Minuten zu spät gekommen und durften als einzige nicht in die Schule. Besonders belastend war es, wenn ich offen Stellung beziehen mußte, z.B. als ich als einzige Englischlehrerin vor den anderen zu einer Lehrerparty eingeladen wurde.

2. Escuela Primaria Federal Vespertina Carmen Serdan (Altavista)

Praktikumsdauer: Dezember 1999 bis April 2000
Schulprofil: - 1. bis 6. Klasse, zweizügig

    • pro Klasse höchstens 25 Schüler aus der Unterschicht
    • etwa 15 Lehrer, davon 3 Englischlehrer

Mentor: Eduardo Cervantes Hernández
Stundenplan: Montag, Mittwoch, Donnerstag (13.30 bis 16.00 Uhr)
Jahrgangsstufen: 2 bis 4

2.1 Aufgabenbereich

vgl. Escuela Vicente Guerrero

2.2 Zusammenarbeit mit Eduardo Cervantes

vgl. Escuela Vicente Guerrero

2.3 Zusammenarbeit mit den Schülern

Dasselbe Gebäude, derselbe Englischlehrer, und dennoch traf ich im Nachmittagsunterricht auf eine andere Welt. Hier waren Schüler mit sozialen Problemen versammelt Schüler aus zerrütteten Familien; Schüler, die in so extremer Armut lebten, daß sie sich nicht einmal Buntstifte oder das 5 DM teure Englischbuch kaufen konnten; Schüler, die bereits einen achtstündigen Arbeitstag hinter sich hatten; Schüler, die nur sporadisch zur Schule kamen. Im zweiten Schuljahr lag die Altersspanne zwischen 6 und 11 Jahren.

Das Unterrichten war oft schwierig. Viele Schüler waren müde und konnten sich nicht konzentrieren. Hier waren vor allem Kreativität und spielerisches Lernen gefragt.

TIPPS: Ich möchte jedem Praktikanten raten, auch den Nachmittagsunterricht zu besuchen. Auch wenn man dort in fachlicher Hinsicht zurückstecken muß, lernt man viel über Motiviation und Einfühlungsvermögen und wird sich erschreckend deutlich bewußt, unter welch glücklichem Stern man geboren ist.

Ich empfehle, Buntstifte mitzubringen. Die Kinder freuen sich darüber und sie erleichtern das Arbeiten ungemein. Oft haben Geschwisterkinder nur eine gemeinsame Schere oder Klebe, die dann von Klassenraum zu Klassenraum wandert und nie auffindbar ist. Eine Grundausstattung zum Verleihen sollte jeder Praktikant daher auch dabeihaben.

2.4 Atmosphäre an der Schule

Das Kollegium war ausnahmslos freundlich und hilfsbereit. Besonders die Klassenlehrerinnen der von mir unterrichteten Gruppen haben sehr großes Interesse an deutschen Grundschulen gezeigt.

TIPPS: Wer die Möglichkeit hat, Fotos von deutschen Schülern, Schulen und Klassenräumen mitzubringen, sollte sie ergreifen. Auch Informationen über das deutsche Primarschulwesen, die Lehrerausbildung etc. sind nützlich. Als angehende Sek II- Lehrerin mußte ich leider viele Fragen unbeantwortet lassen.

3. Escuela Primaria Federal Matutina Benito Júarez (Centro)

Praktikumsdauer: Mai bis Juli 2000
Schulprofil: - 1. bis 6. Klasse, vierzügig

    • pro Klasse etwa 35 Schüler aus der Mittelschicht
    • etwa 30 Lehrer, davon vier Englischlehrer

Mentorin: Arminda Vázquez Soto
Stundenplan: Montag bis Freitag (8.00 bis 12.30 Uhr)
Jahrgangsstufen: 5 bis 6

3.1 Aufgabenbereich

Nach einer einwöchigen Hospitation habe ich, ähnlich wie in den anderen beiden Schulen, Teile des Unterrichts übernommen und bei der Erstellung von Unterrichtsmaterialien geholfen. Nach einigen Wochen habe ich auch an dieser Schule Vertretungsunterricht gegeben.

Anders als bei Eduardo, verlief der Unterricht strikt nach den Vorgaben des Pilotprogramms. Jede Stunde begann mit einem Lied und Gymnastik, danach wurde in einem warm-up das Thema der letzten Lektion wiederholt; das neue Thema wurde mündlich eingeführt oder vertieft und schließlich schriftlich geübt und kontrolliert.

3.2 Zusammenarbeit mit Arminda Vázquez

Die Zusammenarbeit mit Arminda war von der ersten Minute an sehr angenehm. Sie hat mich sofort in ihre Arbeit, das Schulleben und ihr Privatleben einbezogen und ist gewiß eine der sympathischsten Mexikanerinnen, die ich kennengelernt habe.

Habe ich an Eduardo besonders seine Kreativität geschätzt, dann an ihr übersichtliches und systematisches Arbeiten, sehr gute Englischkenntnisse und ein großes schauspielerisches Talent, das die Schüler auch bei langweiligen Themen mitgerissen hat. Grundsätzlich sollte sich jeder Praktikant darauf einstellen, vor den Schülern mit viel Gestik und Mimik arbeiten, singen und kleine Szenen vorspielen zu müssen (unvergeßlich mein Auftritt als Außerirdischer).

Während der Hospitation hat es mich etwas gestört, daß Arminda in jeder Gruppe eines Jahrgangs dieselbe Stunde gegeben hat und ich somit jede Stunde in vierfacher Ausführung gesehen habe. Als ich allerdings selbst unterrichtet habe, fand ich den unterschiedlichen Erfolgsgrad derselben Stunde in verschiedenen Gruppen sehr interessant und habe jede Stunde als etwas Besonderes empfunden.

3.3 Zusammenarbeit mit den Schülern

Da aufgrund einer nicht mehr vorstellbaren Anzahl von Feiertagen und Schulfesten (Muttertag, Vatertag, Tag des Kindes, Tag des Lehrers (!) etc.) sehr viel Unterricht ausgefallen ist und mich in den Pausen vor allem Lehrer zu Gesprächen in ihre Klassenräume eingeladen haben, war mein Verhältnis zu den Schülern nicht so eng. Dennoch sind mir alle sehr freundlich begegnet und haben mir auf jede Stunde direktes Feedback gegeben.

Insgesamt konnte man den Schülern nicht nur in ihrer materiellen Ausstattung, sondern auch in ihrem Verhalten anmerken, daß sie auch einer ungleich wohlhabenderen Schicht stammten und sehr sorgfältig für diese traditionsreiche, angesehene und wirklich schöne Schule direkt neben der Kathedrale in Cuernavaca ausgewählt worden waren.

3.4 Atmosphäre an der Schule

Besonders aufgrund von Arminda und der warmherzigen Direktorin habe ich mich an der Schule sehr willkommen gefühlt. Alle Lehrer waren interessiert und freundlich und haben mir immer wieder Gelegenheit zu Gesprächen gegeben. Ich wurde zu jeder Versammlung, zu Tupper-Parties in der Pause, zu Geburtstagsessen und Schulfeiern eingeladen und konnte mich stets auch mit privaten Problemen an die Lehrer wenden.

Die Schulfeiern angefangen vom montäglichen Fahnenappell bis hin zu kleinen Theateraufführungen und wunderschönen traditionellen Tänzen haben mir in jeder Schule sehr gut gefallen, in der Escuela Benito Júarez aber waren sie wirklich beeindruckend. Die Feier zum Muttertag werde ich bestimmt nicht so schnell vergessen: Strahlend schönes Wetter, eine bunt geschmückte Schule mit einem Blumenmeer im Innenhof, im Hintergrund die Kathedrale und die kostümierten Kinder, die gesungen und getanzt haben. Unter diesem Aspekt können mir deutsche Lehrer und Schüler, die morgens zur Schule gehen, den Unterricht hinter sich bringen und dann so schnell wie möglich wieder nach Hause eilen, leid tun.

4. Escuela Primaria Federal Vespertina Emiliano Zapata (Carolina)

Praktikumsdauer: Mai bis Juli 2000
Schulprofil: - 1. bis 6. Klasse, einzügig

    • pro Klasse höchstens 20 Kinder aus der absoluten Unterschicht
    • etwa 10 Lehrer, davon ein Englischlehrer

Mentor: Raúl Valdivia Sánchez
Stundenplan: Montag bis Donnerstag (13.30 bis 18.10 Uhr)
Jahrgangsstufen: 1 bis 6

4.1 Aufgabenbereich

Mein Aufgabenbereich hat sich in dieser Schule zur Theorie hin verschoben. Ich habe hospitiert und einzelne Schüler im Unterricht unterstützt, vor allem aber Raúl bei der Erstellung von Unterrichtsentwürfen und Schüleranalysen geholfen, die er für einen Fortbildungskurs schreiben mußte. Auch diese Aufgabe hat mich im Hinblick auf das Referendariat in Deutschland einen großen Schritt weitergebracht.

4.2 Zusammenarbeit mit Raúl Valdivia

Ich kannte Raúl bereits seit Januar und bin auf seinen Wunsch hin an seine Schule gegangen. Insofern war auch die Zusammenarbeit mit ihm kein Problem. Von ihm habe ich vor allem Geduld und Freundlichkeit im Umgang mit sehr schwierigen Schülern gelernt und neue Anregungen in der Erstellung von Unterrichtsmaterialien bekommen. Sehr künstlerisch veranlagt, waren seine Ideen in diesem Bereich unerschöpflich. Auch mein Kontakt zu Raúl hat sich zu einer Freundschaft entwickelt.

4.3 Zusammenarbeit mit den Schülern

Die Schule lag in einem sehr armen und konfliktreichen Viertel. Viele Schüler kamen aus ausgesprochen problematischen Verhältnissen und wurden von einem Schulpsychologen betreut, der sporadisch vorbeikam. Das Elend war offensichtlich und besonders im Vergleich zu der Escuela Benito Juárez wirklich herzzerreißend: Die ganze Ungerechtigkeit der mexikanischen Gesellschaft, ausgetragen auf dem Rücken der Kinder, vor allem der Mädchen.

4.4 Atmosphäre an der Schule

Zu den männlichen Kollegen hatte ich ein herzliches Verhältnis. Vor allem der Direktor hat sich gern auf meine Kosten amüsiert. Darauf haben die Frauen, allen voran die Putzfrau (!) sehr unfreundlich reagiert und über Raúl und mich so boshafte Bemerkungen fallenlassen, daß ich mein Praktikum frühzeitig beendet habe, damit an der Schule wieder Ruhe einkehren konnte. Die Erfahrung war für mich bitter, und ich habe mich zum ersten Mal als Opfer von Rassismus gefühlt. Ein Rassismus, der sicher nicht aus Überheblichkeitsgefühlen, sondern aus 500 Jahre alten Minderwertigkeitskomplexen geboren wurde, der aber in seinem Ergebnis gleich blieb, da er mich ohne Berücksichtigung meiner Persönlichkeit und meines Engagements an der Schule verurteilt hat. Ich hätte gern mit den Frauen geredet, wurde aber von Raúl und dem Direktor davon abgehalten.

5. Probleme im Praktikum

Die letzten zwei Wochen meines wirklich ausschließlich positiven Praktikums wurden von einem recht absurden Ereignis überschattet, das sicherlich nicht typisch mexikanisch ist, dessen Erwähnung aber vielleicht doch künftigen Praktikantinnen helfen mag.

Jeder Englischlehrer des Pilotprojekts untersteht einem Supervisor, der in der Verwaltung arbeitet und über einen gewissen Einfluß verfügt. Bereits kurz nach Beginn meines Praktikums hatte mich der für meine Lehrer zuständige Mann, der mich erst einmal gesehen hatte, vor den Schülern während des Unterrichts ziemlich dreist für ein Wochenende nach Acapulco eingeladen ("Ich zahle"). Als ich ablehnte und Eduardo ihn darauf hinwies, daß wir in einer Schule und nicht im Bordell seien, bekam Eduardo plötzlich berufliche Schwierigkeiten. Dasselbe Spiel wiederholte sich im Juni an Raúls Schule. Nachdem ich ihn noch einmal deutlich abgewiesen hatte, verbreitete der Supervisor, unterstützt von besagter Putzfrau, Gerüchte, daß Raúl meinetwegen nicht mehr seiner Arbeit nachkäme. "Jeder" wisse, daß wir den ganzen Tag im Bett verbrächten. Und da in Mexiko eine bloße Freundschaft zwischen Mann und Frau in der Tat ungewöhnlich ist, fielen die Gerüchte auch auf sehr fruchtbaren Boden. Als ich den Supervisor zur Rede stellte, floh er wortlos aus dem Raum, und ich sah keine andere Möglichkeit, als mich offiziell über ihn zu beschweren. Es stellte sich heraus, daß er mit meiner Vorgängerin im Pilotprojekt zusammengewesen war und jetzt wohl dachte, er könne alle Deutschen haben. Dennoch erklärt dies nicht, warum er seinen Frust an meinen Kollegen ausließ und deren Jobs ernsthaft gefährdete.

TIPPS: Ich rate Praktikantinnen, ihren Betreuer zu bitten, sie zu Lehrerinnen zu schicken. Damit vermeiden sie auch Eifersuchtsausbrüche eventuell vorhandener Ehefrauen. Ich habe mich zwar mit Eduardos Ehefrau gut angefreundet, aber die Wahrsagerin (!) ihrer Mutter beharrt bis heute darauf, daß ich seine Ehe gefährde. Sagen die Karten.


Praktikumsbericht von A. Meixner, Zeitraum 12.3. - 30.5.01 (im Fotografiebereich)

Schulen Cuernavacas vor der Kamera

Das "Instituto de Educación Basica del Estado de Morelos" (IEBEM) ist nur ein Teil des "Secretaria Educación Publico" (SEP). Die Idee des IEBEM ist, dass Lehrer der öffentlichen Schulen durch Lehrer des IEBEM bei ihrer Arbeit unterstützt werden. Diese Lehrer gehen für 1-2 Tage in verschiedene Schulen (Vorschulen, Grundschulen und weiterführende Schulen) in Cuernavaca und dazugehörigen Vororten, um Vorträge zu halten, Videofilme zu zeigen, Aktivitäten zur Vertiefung der Themen durchzuführen oder Lernkontrollen schreiben zu lassen.

Im Bereich Educación Ambiental absolvierte ich in der Zeit vom 12. März bis zum 30. Mai 2001 mein Praktikum. Das Büro des IEBEM konnte ich sehr gut durch die öffentlichen Nahverkehrsmittel erreichen (RUTA 6). Meine Arbeitszeit war von 8.45 Uhr bis 13.00 Uhr und meine Aufgabe bestand darin, die Lehrer in die Schulen zu begleiten und den Unterricht zu fotografieren oder zu filmen. Die Digitalaufnahmen bearbeitete ich anschließend im Büro am Computer mit Hilfe von Photopaint. Auch Teilnahme und Unterstützung bei der Entwicklung und Durchführung von verschiedenen Umweltaktivitäten (z.B. Anfertigung eines Komposts, Herstellung von Speiseeis) fiel in meinen Aufgabenbereich.
Während meinem Praktikum fiel mir auf, dass die mexikanischen Schulen untereinander sehr verschieden waren, was Größe, Sauberkeit und Disziplin betrifft. Und nicht nur die Schuluniformen waren ein merkbarer Unterschied zum deutschen Schulsystem.

Ich habe in einem Team mitgearbeitet, das aus Erziehern, Biologen, Psychologen und Pädagogen bestand. Das Betriebsklima beim IEBEM war ausgesprochen gut, meine Kollegen waren hilfsbereit und verständnisvoll (vor allem, was die anfänglichen Sprachbarrieren betraf), und ich wurde von allen herzlich aufgenommen, was dazu geführt hat, dass ich mich dort sehr wohl fühlte.

Leider muss ich aber auch sagen, dass ich bei meinem Praktikum beruflich rein gar nichts dazu gelernt habe. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur mit falschen Erwartungen an die Sache herangegangen. Eigentlich sollte ich mit einem Fotografen Fotos für die Lehrbücher für das Pilotprogramm "Englischunterricht an der Grundschule" machen und nicht alleine den Biologieunterricht fotografieren. Auch führte die mexikanische Arbeitsmoral oft dazu, dass ich nichts machend an meinem Schreibtisch saß und darauf wartete, dass die Zeit vorbeigeht. Trotz allem kann ich jedem nur empfehlen ein Auslandspraktikum zu machen, denn es ist einfach lohnenswert andere Lebensweisen (und Arbeitsmethoden) kennenzulernen.

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